Tarot entstand in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Norditalien als Kartendeck für ein Spiel, mit einer zusätzlichen Farbe aus Bildkarten, die als Trümpfe dienten. Dass man damit wahrsagte, ist erst ab dem späten 18. Jahrhundert belegt, als französische Autoren es zu einem Buch uralter Weisheit umdeuteten.
Fast alles andere, was über die Ursprünge des Tarot erzählt wird, kam später. Die ägyptischen Priester, die umherziehenden Wahrsagerinnen der Roma und die „Tausende von Jahren“ gehören alle zu Geschichten, die lange nach der Erfindung der Karten über sie erzählt wurden. Die echte Geschichte ist besser belegt und in mancher Hinsicht seltsamer.
Dieser Ratgeber folgt den Karten von den Höfen der Renaissance bis zu dem Deck, mit dem die meisten heute legen, gezeichnet von Pamela Colman Smith und 1909 veröffentlicht. Er hält sich an das, was die Geschichtsforschung zeigen kann, und sagt klar, wo die Belege enden. Die Standardwerke dazu sind Michael Dummetts The Game of Tarot (1980) und A Wicked Pack of Cards (1996) von Ronald Decker, Thierry Depaulis und Michael Dummett.
Direkt zum Abschnitt:
- Zeitleiste der Tarot-Geschichte
- Vor dem Tarot: Spielkarten erreichen Europa
- Tarot als Kartenspiel
- Die okkulte Wiederentdeckung: Ägypten, Etteilla und Lévi
- Der Golden Dawn und das Rider-Waite-Smith-Deck
- Das Thoth-Tarot und das 20. Jahrhundert
- Mythen über die Geschichte des Tarot
- Wie die Farben mit gewöhnlichen Spielkarten zusammenhängen
- Warum die Geschichte beim Deuten wichtig ist
- Häufige Fragen
Zeitleiste der Tarot-Geschichte
Daten vor 1700 sind oft ungefähr, weil sie auf Rechnungsbüchern, Briefen und Karten beruhen, die sich nur nach ihrem Stil datieren lassen. Wo die Forschung vorsichtig formuliert, tut es auch diese Tabelle.
| Datum | Was geschah |
|---|---|
| Späte 1370er-Jahre | Spielkarten erreichen Europa, höchstwahrscheinlich aus der Welt der Mamluken in Ägypten und Syrien. Quellen von 1377 behandeln sie als neu. |
| Bis in die 1440er-Jahre | Die frühesten erhaltenen Belege für trionfi („Triumphe“), Karten für ein Stichspiel mit einer zusätzlichen Trumpffarbe, an den Höfen Norditaliens. |
| Mitte des 15. Jahrhunderts | Für die Familien Visconti und Sforza in Mailand werden handgemalte Luxusdecks angefertigt. Mehrere sind teilweise erhalten. |
| Spätes 15. Jahrhundert | Das Sola-Busca-Deck zeigt auf jeder Zahlenkarte eine Szene, was fast kein anderes frühes Deck tut. |
| Frühes 16. Jahrhundert | Das Wort tarocchi taucht auf, offenbar um das Spiel von anderen Spielen mit Trümpfen zu unterscheiden. |
| 16. bis 18. Jahrhundert | Das Spiel verbreitet sich nach Frankreich, in die Schweiz und darüber hinaus. Das Muster des Tarot de Marseille wird zum Standard (Jean Noblet um 1650, Jean Dodal um 1701, Nicolas Conver 1760). |
| 1781 | Antoine Court de Gébelin behauptet in Band 8 von Le Monde primitif, das Tarot sei ein altägyptisches Buch. Ein Essay des Comte de Mellet im selben Band verbindet die Trümpfe mit hebräischen Buchstaben. |
| Späte 1780er-Jahre | Etteilla (Jean-Baptiste Alliette) veröffentlicht das erste Deck, das für die Kartomantie entworfen wurde. |
| 1822 | Champollion entziffert die Hieroglyphen. Nichts in ägyptischen Schriften stützt die Tarot-Theorie. |
| 1850er-Jahre | Éliphas Lévi verbindet die 22 Trümpfe mit den 22 hebräischen Buchstaben und der Kabbala. |
| 1888 | Der Hermetic Order of the Golden Dawn wird in London gegründet. |
| 1909 | Rider & Son veröffentlichen das Deck, das unter A. E. Waite entworfen und von Pamela Colman Smith gezeichnet wurde. |
| 1910 | Waites The Pictorial Key to the Tarot erscheint, illustriert mit Smiths Karten. |
| 1938 bis 1943 | Lady Frieda Harris malt das Thoth-Tarot nach Aleister Crowleys Entwurf. |
| 1969 | Das Thoth-Tarot erscheint als Deck, nach dem Tod von Crowley und Harris. |
| 1971 | U.S. Games Systems beginnt, das Rider-Waite-Deck herauszugeben, und bringt es in Buchläden in den ganzen USA. |
Vor dem Tarot: Spielkarten erreichen Europa
Tarot ist jünger als gewöhnliche Spielkarten, also beginnt seine Geschichte mit ihnen. Karten scheinen in den späten 1370er-Jahren nach Europa gekommen zu sein. 1377 erließ die Stadt Florenz eine Bestimmung zu einem neuen Spiel namens naibbe, und im selben Jahr beschrieb ein Dominikanermönch, Johannes von Rheinfelden, Kartenspiele in einer lateinischen Abhandlung. Beide behandeln Karten als Neuheit.
Die wahrscheinlichste Quelle ist das Sultanat der Mamluken, das über Ägypten und Syrien herrschte. Ein fast vollständiges Mamluken-Kartenspiel aus dem 15. Jahrhundert ist im Topkapı-Palast-Museum in Istanbul erhalten. Es hat vier Farben: Kelche, Münzen, Schwerter und Poloschläger. Jede Farbe hat zehn Zahlenkarten und drei Hofkarten, und die Hofkarten zeigen Namen und Muster statt Menschen.
Die Europäer behielten den Aufbau und änderten die Einzelheiten. Polo bedeutete in Italien wenig, also wurden aus den Poloschlägern Stöcke oder Stäbe. Die Hofkarten wurden zu menschlichen Figuren: ein König und zwei männliche Beamte unter ihm. Das spanische Wort für Karten, naipes, und das italienische naibi kommen wahrscheinlich vom arabischen nā’ib, Stellvertreter, dem Titel einer der Hofkarten der Mamluken.
Um 1400 hatten die Italiener also schon Kartenspiele mit vier Farben aus Kelchen, Münzen, Schwertern und Stöcken. Das sind die vier Farben, die du noch heute im Tarot findest, unter den Namen Kelche, Münzen, Schwerter und Stäbe. Tarot wurde auf diesem Kartenspiel aufgebaut.
Tarot als Kartenspiel
Trionfi: die zusätzliche Farbe
Irgendwann in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts fügte jemand in Norditalien dem gewöhnlichen Kartenspiel eine fünfte Farbe aus Bildkarten hinzu. Diese Karten stachen jede Karte der anderen Farben, sodass man mit ihnen einen Stich gewinnen konnte. Man nannte sie trionfi, „Triumphe“. Das deutsche Wort „Trumpf“ geht auf dieselbe Wurzel zurück, ebenso das englische „trump“.
Die frühesten erhaltenen Belege stammen aus den 1440er-Jahren, aus norditalienischen Städten wie Ferrara und Florenz. Sie erwähnen Karten, die gekauft, bemalt oder verschenkt wurden. Niemand weiß, wer die Idee zuerst hatte oder wo genau, und niemand kennt das genaue Datum.
Die Bilder griffen auf vertraute Motive der Zeit zurück: die Tugenden, die Planeten, Herrscher, den Tod, die Liebe und das Rad des Schicksals, das Prediger und Maler ständig verwendeten. Für die Spielenden waren sie eine Rangfolge. Eine Karte mit der Sonne schlug eine mit dem Mond, ungefähr so, wie ein König eine Dame schlägt.
Frühe italienische Decks tragen keine Nummern auf den Trümpfen. Die Spielenden lernten die Reihenfolge auswendig, und sie unterschied sich von Stadt zu Stadt. Dummett ordnete die erhaltenen Reihenfolgen drei regionalen Familien zu. Die Zahl der Trümpfe scheint sich bei 21 eingependelt zu haben, dazu eine eigene Karte, der Narr. Das ergibt die 22 Karten, die heute Große Arkana heißen. Florenz ging mit minchiate eigene Wege, einer größeren Variante mit 97 Karten und zusätzlichen Trümpfen für die Tugenden, die Elemente und die Tierkreiszeichen.
Die Trümpfe hatten damals andere Namen. Der Magier war der Bagatto, ein Gaukler oder Trickser. Die Hohepriesterin und der Hierophant waren die Päpstin und der Papst. Die Liebenden hießen einfach Liebe. Die Figur, die später der Gehängte hieß, wird in frühen italienischen Quellen oft als der Verräter aufgeführt.
Die Visconti-Sforza-Karten
Die ältesten erhaltenen Tarotkarten sind handgemalte Luxusdecks, die Mitte des 15. Jahrhunderts für die herrschenden Familien Mailands angefertigt wurden. Filippo Maria Visconti war bis 1447 Herzog von Mailand. Francesco Sforza heiratete seine Tochter Bianca Maria und wurde 1450 Herzog. Die Karten tragen ihre Familienwappen, Blattgold und feine Details an den Gewändern.
Mehrere solcher Decks sind erhalten, keines vollständig. Der bekannteste Satz ist zwischen der Morgan Library in New York und Sammlungen in Bergamo aufgeteilt, und vier seiner Karten fehlen, darunter der Teufel und der Turm.
Das Sola-Busca-Deck
Das Sola-Busca-Deck aus dem späten 15. Jahrhundert gilt meist als das älteste vollständig erhaltene Tarotdeck, und es ist ungewöhnlich. Seine Trümpfe zeigen Figuren aus der antiken Geschichte und Sage statt der üblichen Motive. Für spätere Generationen wichtiger: Es zeigt auf jeder Zahlenkarte eine Szene. Die meisten frühen Decks zeigen einfach die richtige Zahl an Kelchen, Münzen, Schwertern oder Stöcken.
Dieses Detail wurde vier Jahrhunderte später wichtig. Pamela Colman Smith kannte die Sola-Busca-Motive offenbar, die das British Museum ab den frühen 1900er-Jahren als Fotografien besaß. Ihre Drei der Schwerter, ein von drei Schwertern durchbohrtes Herz, ähnelt der Sola-Busca-Karte stark.
Von trionfi zu tarocchi
„Trionfi“ wurde zum allgemeinen Wort für Trumpfspiele, also tauchte für dieses Spiel ein neuer Name auf. Das Wort tarocchi findet sich erstmals im frühen 16. Jahrhundert. Woher es kommt, ist unbekannt. Die französische Form, tarot, gelangte ins Englische und ins Deutsche; als Name des Kartenspiels hat sich im deutschsprachigen Raum dagegen „Tarock“ gehalten.
Das Tarot de Marseille und ein Spiel, das noch gespielt wird
Das Spiel verbreitete sich nach Norden und Westen, wahrscheinlich begünstigt durch die französische Besetzung Mailands ab 1499. Es fasste in Frankreich und der Schweiz Fuß, später in Österreich, Deutschland und weiten Teilen Mitteleuropas.
Im 17. und 18. Jahrhundert war in Frankreich und der Schweiz ein Design zum Standard geworden: das Muster, das heute Tarot de Marseille heißt. Jean Noblets Deck von etwa 1650 aus Paris, Jean Dodals von etwa 1701 aus Lyon und Nicolas Convers von 1760 aus Marseille sind die berühmten erhaltenen Beispiele. Diese Decks nummerieren die Trümpfe mit römischen Ziffern und geben ihnen französische Namen. Der Turm heißt La Maison Dieu. Karte XIII, der Tod, trägt meist überhaupt keinen Namen.
In der Marseiller Reihenfolge ist die Gerechtigkeit VIII und die Kraft XI.
Tarot-Kartenspiele sind nie ausgestorben. Französisches Tarot wird in Frankreich heute viel gespielt, mit drei „Oudlers“ (der 1, der 21 und dem Narren, der dort Excuse heißt), die bei der Wertung mitentscheiden. In Österreich spielt man Tarock, und Varianten haben in Teilen Italiens überlebt. Die meisten dieser Spielkarten haben französische Farben und Trümpfe mit Alltagsszenen, nicht die Marseiller Bilder.
Rund 350 Jahre lang war Tarot also ein Spiel. Nichts aus dieser Zeit zeigt, dass die Karten regelmäßig zum Wahrsagen benutzt wurden. Die Forschung verweist auf ein paar frühere Bruchstücke, etwa eine Notiz aus Bologna von etwa 1750, die Bedeutungen für einige Karten auflistet. Klar belegt ist das Wahrsagen mit Tarot aber erst in den 1780er-Jahren.
Die okkulte Wiederentdeckung: Ägypten, Etteilla und Lévi
Court de Gébelin und die Ägypten-Idee
1781 veröffentlichte Antoine Court de Gébelin, ein französischer protestantischer Pastor und Gelehrter, Band 8 seines umfangreichen Werks Le Monde primitif. Darin behauptete er, das Tarot sei das erhaltene Buch Thoth, die Weisheit altägyptischer Priester, versteckt in einem Spiel, damit es unbemerkt die Jahrhunderte überdauere. „Tarot“ leitete er aus angeblichen ägyptischen Wörtern mit der Bedeutung „königlicher Weg“ ab.
Derselbe Band druckte einen Essay des Comte de Mellet. Er verband die 22 Trümpfe mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets und skizzierte eine Methode, mit den Karten wahrzusagen.
Für nichts davon gab es Belege. 1781 konnte niemand Hieroglyphen lesen. Nachdem Jean-François Champollion sie 1822 entziffert hatte, wurden ägyptische Texte lesbar, und nichts darin erwähnt Tarot oder etwas Ähnliches. Die Idee hatte sich da aber schon verbreitet, und sie ist nie ganz verschwunden.
Etteilla: das erste Wahrsagedeck
Jean-Baptiste Alliette, der als Etteilla schrieb (sein Nachname rückwärts), war ein Pariser, der von der Kartomantie lebte. Er hatte bereits eine Methode veröffentlicht, mit einem gewöhnlichen Piquet-Blatt wahrzusagen. Nach Court de Gébelin wandte er sich dem Tarot zu, veröffentlichte ab den 1780er-Jahren Bücher darüber und brachte in den späten 1780er-Jahren das erste Deck heraus, das eigens für die Wahrsagerei entworfen wurde.
Etteilla ordnete die Karten neu und druckte Bedeutungen darauf, aufrecht und umgekehrt. Viele der Wahrsagebedeutungen, die in spätere Bücher eingingen, und die Gewohnheit, Karten auf dem Kopf anders zu deuten, gehen auf diese französische Tradition der Kartomantie zurück.
Éliphas Lévi und die Kabbala
Der nächste große Schritt kam in den 1850er-Jahren. Éliphas Lévi, das Pseudonym des französischen Schriftstellers Alphonse-Louis Constant, legte in Dogme et rituel de la haute magie ein magisches System dar. Er baute die Verbindung zu den hebräischen Buchstaben zu einem vollständigen Schema aus: Die 22 Trümpfe entsprachen den 22 hebräischen Buchstaben und den Pfaden des kabbalistischen Lebensbaums.
Lévi setzte den Narren nahe ans Ende der Reihe, zwischen die Trümpfe mit den Nummern 20 und 21. Spätere englische Okkultisten rückten ihn an den Anfang. Bis heute wird darüber gestritten, wohin der Narr gehört.
Der Golden Dawn und das Rider-Waite-Smith-Deck
Ein vollständiges System von Entsprechungen
Der Hermetic Order of the Golden Dawn wurde 1888 in London gegründet. Er war eine kleine magische Gesellschaft, und Tarot stand im Mittelpunkt seiner Lehre. Die Mitglieder lernten ein dichtes Netz von Verbindungen: jede Karte der Großen Arkana zu einem hebräischen Buchstaben und einem Planeten, Zeichen oder Element, jede Farbe zu einem Element und jede Zahlenkarte von 2 bis 10 zu einem Abschnitt von zehn Grad im Tierkreis.
Der Golden Dawn nahm außerdem eine Änderung vor, die man in den meisten Decks bis heute sieht. Damit die Großen Arkana der Reihenfolge des Tierkreises folgen, mit dem Löwen vor der Waage, vertauschte er die Kraft (Löwe) und die Gerechtigkeit (Waage). Die Kraft wurde zur 8, die Gerechtigkeit zur 11. Wenn du die Einzelheiten wissen willst: Der Ratgeber Tarotkarten und Sternzeichen listet alle Verbindungen auf.
Waite und Smith
Arthur Edward Waite und Pamela Colman Smith waren beide Mitglieder. Waite schrieb viel über Mystik und Magie. Smith war Künstlerin, Illustratorin und Bühnenbildnerin, 1878 in London als Tochter amerikanischer Eltern geboren.
1909 gab der Londoner Verlag William Rider & Son ein neues Deck mit 78 Karten heraus, entworfen unter Waites Leitung und gezeichnet von Smith. Es behielt die Nummerierung des Golden Dawn bei, mit der Kraft an Position 8. Waites Begleitbuch zu den Karten folgte, und die illustrierte Fassung, The Pictorial Key to the Tarot, ist auf 1910 datiert.
Die große Neuerung betraf die Kleinen Arkana. Statt acht Kelchen oder fünf Münzen in einer Reihe zeichnete Smith auf jede der 40 Zahlenkarten eine Szene. Für diese Idee gab es außer dem Sola-Busca kaum ein Vorbild. Deshalb kann jemand, der neu anfängt, die Fünf der Kelche oder die Drei der Schwerter ansehen und ohne Buch ein Gefühl für die Bedeutung bekommen.
Wie viel von jedem Motiv von Waite und wie viel von Smith stammt, ist nicht ganz geklärt. Weithin wird angenommen, dass Waite die Großen Arkana genau vorgab und Smith bei den Kleinen Arkana mehr Freiheit ließ. Sie signierte viele Karten mit ihrem kleinen Monogramm. Jahrzehntelang hieß das Deck „Rider-Waite“, und ihr Name fehlte. Deshalb sagen viele heute Rider-Waite-Smith oder Smith-Waite. Smith starb 1951, ohne zu Lebzeiten viel Anerkennung für das Werk bekommen zu haben.
Das Thoth-Tarot und das 20. Jahrhundert
Das andere große okkulte Deck des Jahrhunderts stammt von Aleister Crowley, einem weiteren ehemaligen Mitglied des Golden Dawn. Crowley entwarf es, und Lady Frieda Harris malte es zwischen 1938 und 1943. Crowleys The Book of Thoth, das das System erklärt, erschien 1944.
Das Deck selbst wurde erst 1969 veröffentlicht, nachdem Crowley und Harris beide gestorben waren. Es benennt mehrere Karten um: Die Kraft wird zu Lust, die Mäßigkeit zu Kunst und das Gericht zum Äon. Statt Münzen heißt die Farbe dort Scheiben, und die Hofkarten sind Ritter, Königin, Prinz und Prinzessin.
Im englischsprachigen Raum setzte sich aber das Rider-Waite-Smith-Deck durch. Ab 1971 brachte U.S. Games Systems es in den USA breit auf den Markt, und es wurde zu dem Deck, auf das sich die meisten englischsprachigen Bücher bezogen. Die meisten modernen Decks, auch viele, die ganz anders aussehen, folgen bis heute seinem Aufbau: Szenen auf den Zahlenkarten, die Kraft an Position 8 und Waites Kartentitel.
Mythen über die Geschichte des Tarot
„Tarot stammt aus dem alten Ägypten“
Nein. Diese Idee beginnt 1781 mit Court de Gébelin, und er hatte keine Belege dafür. Die frühesten Tarotkarten sind italienisch, aus dem 15. Jahrhundert, und zeigen christliche und klassische Motive ihrer Zeit. Ägyptische Schriften sagen, seit man sie lesen kann, nichts über Tarot. Viele Decks nutzen heute ägyptische Bildsprache, und das ist eine künstlerische Entscheidung, kein Nachweis der Herkunft.
„Die Roma haben das Tarot nach Europa gebracht“
Auch dafür gibt es keine Belege. Gruppen von Roma sind in Westeuropa ab dem frühen 15. Jahrhundert belegt, aber Spielkarten gab es dort schon in den 1370er-Jahren, und das Tarot entstand an italienischen Höfen. Die Verbindung wurde von französischen Autoren des 19. Jahrhunderts vorgeschlagen, und der Okkultist Papus verbreitete sie in Le Tarot des Bohémiens (1889). Das Kartenlegen wurde später in der allgemeinen Vorstellung mit Roma verbunden, aber das macht sie nicht zum Ursprung des Tarot.
„Tarot ist Tausende von Jahren alt“
Die Belege verorten das Tarot in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und das Wahrsage-Tarot im späten 18. Jahrhundert. Damit ist das Spiel etwa 580 Jahre alt und die Deutungstradition etwa 240.
„Die Kirche hat das Tarot verboten“
Was belegt ist, ist gewöhnlicher. Stadtobrigkeiten in ganz Europa regelten oder verboten ab dem 14. Jahrhundert Kartenspiele und Glücksspiel, darunter die Florentiner Bestimmung von 1377. Prediger wetterten gegen Karten und Würfel, und Bernhardin von Siena ist für Predigten berühmt, die zu Verbrennungen von Karten und anderen „Eitelkeiten“ führten. Eine Predigt aus dem späten 15. Jahrhundert verurteilt die Trümpfe ausdrücklich, neben den Würfeln.
Nicht belegt ist ein kirchenweites Verbot des Tarot als solchem. Viele dieser Regeln richteten sich gegen das Glücksspiel allgemein, und an den Höfen wurde Tarot offen gespielt. Heute lehnt die katholische Kirche Wahrsagerei jeder Art ab, was eine andere Frage ist als die Geschichte des Spiels.
Wie die Farben mit gewöhnlichen Spielkarten zusammenhängen
Tarot und ein gewöhnliches Kartenspiel sind Cousins. Beide stammen von dem italienischen Kartenspiel mit vier Farben aus dem späten 14. Jahrhundert ab. Italienische und spanische Karten behielten die alten Farbzeichen, während in Frankreich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Herz, Karo, Kreuz und Pik entstanden.
| Tarot-Farbe (Rider-Waite-Smith) | Ältere italienische und spanische Farbe | Übliche Entsprechung im französischen Blatt (englisch) |
|---|---|---|
| Stäbe | Stöcke (bastoni, bastos) | Kreuz (clubs) |
| Kelche | Kelche (coppe, copas) | Herz (hearts) |
| Schwerter | Schwerter (spade, espadas) | Pik (spades) |
| Münzen | Münzen (denari, oros) | Karo (diamonds) |
Die Entsprechungen in der rechten Spalte sind eine Konvention aus dem Kartenlegen mit gewöhnlichen Spielkarten, keine historische Abstammung. Die englischen Namen verraten allerdings einiges: „Spades“ kommt fast sicher vom italienischen und spanischen Wort für Schwerter, und „clubs“ (Keulen) übersetzt die Stöcke.
„Pentakel“ (englisch „Pentacles“) ist ein Name aus der okkulten Wiederentdeckung. Ältere Tarotdecks zeigen Münzen, und das Thoth-Deck nennt die Farbe Scheiben.
Auch die Hofkarten unterscheiden sich. Tarot hat vier pro Farbe: König, Königin, Ritter und Page. Das französische Blatt ließ den Ritter weg und behielt König, Dame und Bube. Traditionelle italienische und spanische Blätter gingen den umgekehrten Weg und behielten König, Reiter und Bube, ohne Dame. Der Ratgeber Hofkarten im Tarot erklärt beschreibt, wie diese 16 Karten gedeutet werden.
Und der Joker? Er ist kein direkter Nachkomme des Narren. Der Joker tauchte im 19. Jahrhundert in amerikanischen Kartenspielen auf, als zusätzlicher Trumpf für das Spiel Euchre. Die beiden sehen sich ähnlich, aber keine belegte Linie führt vom einen zum anderen.
Warum die Geschichte beim Deuten wichtig ist
Die Bedeutungen, die die meisten heute nutzen, stammen weder aus dem alten Ägypten noch von den Spielenden der Renaissance, die das Spiel erfanden. Sie kommen vor allem von den französischen Kartomanten des späten 18. Jahrhunderts, aus dem System des Golden Dawn, aus Waites Buch und vor allem aus Smiths Bildern. Wenn eine Kartenseite hier sagt, dass die Drei der Schwerter Herzschmerz bedeutet, stützt sich diese Deutung auf die Lehre des Golden Dawn, die die Karte „Herr des Kummers“ nannte, und auf Smiths Bild eines durchbohrten Herzens.
Das ist in Ordnung. Eine Tradition muss nicht uralt sein, um reich zu sein. Smiths Szenen geben jeder Karte eine kleine Geschichte, in die du eintreten kannst, und das ist ein großer Teil davon, warum Tarot als Werkzeug zum Nachdenken funktioniert. Aus der Geschichte folgen einige praktische Dinge:
- Die Nummerierung unterscheidet sich je nach Deck. Wenn dein Deck die Gerechtigkeit an Position 8 setzt, stammt es aus der Marseiller Linie. Keine der beiden Reihenfolgen ist falsch. Der Ratgeber Die Reise des Narren zeigt, wie sich die Geschichte in beiden Fassungen liest.
- Umgekehrte Karten sind eine Konvention. Bedeutungen für Karten auf dem Kopf stammen aus der Tradition der Kartomantie. Viele nutzen sie, viele nicht, und beides ist eine legitime Wahl.
- Die Kleinen Arkana liest du über ihre Bilder. Auf Decks im Marseiller Stil zeigen die Zahlenkarten nur Symbole, also stützt man sich dort auf Zahl und Farbe. Der Leitfaden zu den Kleinen Arkana erklärt beide Zugänge.
- Die Großen Arkana tragen die okkulte Schicht. Die Verbindungen zu Buchstaben, Planeten und Zeichen kamen im 18. und 19. Jahrhundert hinzu. Sie sind nützlich, wenn sie dir Freude machen, und freiwillig, wenn nicht.
Wenn du die Geschichte kennst, weißt du bei „diese Karte bedeutet traditionell …“, welche Tradition du meinst. Der Ratgeber zu den Großen Arkana und die Liste der Bedeutungen aller 78 Karten folgen beide der hier beschriebenen Rider-Waite-Smith-Tradition.
Zieh eine Karte aus Smiths Deck
Die Karten unten sind die Rider-Waite-Smith-Motive, das Deck, das Smith 1909 zeichnete. Zieh eine und deute sie so, wie es das 20. Jahrhundert gelehrt hat: Schau zuerst auf das Bild und lies dann die Bedeutung nach.
Dein Deck wird geladen. Falls nichts erscheint, aktiviere bitte JavaScript.
Wenn deine Karte zu den Kleinen Arkana gehört, achte darauf, wie viel dir die Szene erzählt, bevor du ein Wort liest. Das ist Smiths Beitrag in Aktion. Für eine ausführlichere Legung probier die Legung mit drei Karten, oder lern die Grundlagen unter Tarotkarten deuten lernen.
Häufige Fragen
Wie alt ist Tarot?
Tarot ist etwa 580 Jahre alt. Die frühesten erhaltenen Belege für die Karten stammen aus den 1440er-Jahren in Norditalien, und die ältesten erhaltenen Decks aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Tarot zum Wahrsagen zu nutzen ist viel jünger und erst ab den 1780er-Jahren klar belegt.
Wurde Tarot zum Wahrsagen erfunden?
Nein. Tarot wurde als Deck für ein Stichspiel erfunden, bei dem die Bildkarten als Trümpfe dienten. Rund dreieinhalb Jahrhunderte lang war das seine Hauptverwendung. Wahrsagen mit Tarot ist erst im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts klar belegt.
Wer hat das erste Tarotdeck gemacht?
Das weiß niemand. Die Idee, eine Trumpffarbe hinzuzufügen, tauchte in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Norditalien auf, und die Quellen nennen keinen Erfinder. Die ältesten erhaltenen Decks sind die handgemalten Visconti-Sforza-Karten, die für die Herrscher Mailands angefertigt wurden.
Warum heißt es Rider-Waite?
Das Deck wurde 1909 von William Rider & Son in London veröffentlicht und unter der Leitung von Arthur Edward Waite entworfen, deshalb wurde es als Rider-Waite-Deck bekannt. Die Künstlerin Pamela Colman Smith zeichnete alle 78 Karten, weshalb viele es heute Rider-Waite-Smith nennen.
Kommt Tarot aus Ägypten?
Nein. Diese Behauptung stellte Antoine Court de Gébelin 1781 ohne Belege auf. Die frühesten Tarotkarten sind italienisch und zeigen europäische Motive des 15. Jahrhunderts, und nichts in altägyptischen Schriften erwähnt etwas wie Tarot.
Was ist das älteste Tarotdeck?
Die ältesten erhaltenen Tarotkarten sind die handgemalten Visconti-Sforza-Decks aus dem Mailand der Mitte des 15. Jahrhunderts, von denen keines vollständig ist. Das Sola-Busca-Deck aus dem späten 15. Jahrhundert ist das älteste vollständig erhaltene Deck.
Warum tauschen die Kraft und die Gerechtigkeit ihre Nummern?
Ältere Decks wie das Tarot de Marseille setzen die Gerechtigkeit auf 8 und die Kraft auf 11. Der Golden Dawn vertauschte sie, damit die Großen Arkana dem Tierkreis folgen, mit dem Löwen (Kraft) vor der Waage (Gerechtigkeit). Waite behielt diese Reihenfolge im Rider-Waite-Smith-Deck bei, und die meisten modernen Decks folgen ihm.
Wird Tarot noch als Kartenspiel gespielt?
Ja. Französisches Tarot ist in Frankreich ein beliebtes Kartenspiel, und verwandte Spiele wie Tarock werden in Österreich, Teilen Italiens und anderswo in Europa gespielt. Die meisten Spielkarten haben französische Farben und Trümpfe mit Alltagsszenen statt der Bilder, die man vom Kartenlegen kennt.




